Franziskanisches Frühjahrssymposium
Finanzierung, Strukturen, Organisation und Qualität der
stationären und mobilen
Altenbetreuung im Ländervergleich
Mittwoch, 12. Mai 2011
9.00 – 16.00 Uhr, Seminarhaus St. Klara - Vöcklabruck
Das heurige Franziskanische Frühjahrssymposium am Tag der Pflege, 12. Mai, fand zum Thema „Finanzierung, Strukturen, Organisation und Qualität der stationären und mobilen
Altenbetreuung im Ländervergleich“ statt.
Dr. Günter Jakobi, Geschäftsführer der TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK, konnte vom Orden der Franziskanerinnen Generalökonomin Sr. Emilie Pölzleitner, Geschäftsführerin der TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK Sr. Elsbeth Berghammer, die Organisatorin des Symposiums und den Präsidenten des Dachverbandes der österreichischen Alten- und Pflegeheime Mag. Johann Wallner begrüßen.
Bernhard Winkler-Ebner, MBA (Obmannstellvertreter der ARGE Alten- und Pflegeheime OÖ), Mag. Albert Hinterreitner in Vertretung von Landeshauptmann-Stellvertreter und Soziallandesrat Josef Ackerl und Vöcklabrucks Bürgermeister Mag. Herbert Brunsteiner sprachen Grußworte. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Johannes Jetschgo, Chefredakteur ORF OÖ.
Aus verschiedenen Länderperspektiven wurde die Situation der Alten- und Pflegeheime von den ReferentInnen profund und in einem weit gespannten Bogen behandelt. Im Anschluss fand eine sehr lebhafte und äußerst interessante Podiumsdiskussion statt.
Dr. Lutz Johannes Kriegel - Perspektiven Deutschland
Es wird zu einer staken Zunahme der Pflegebedürftigkeit in Deutschland kommen, es wird einen verstärkten gesellschaftlichen Diskurs geben über Ziele und Strategien in der Altenbetreuung. Wichtig wird sein eine transparente und überprüfbare Leistungsdokumentation, kundenorientierte Dienstleistungsentwicklung in der Altenbetreuung und Kooperation zwischen den unterschiedlich beteiligten Leistungserbringern. Es gibt in Deutschland drei Pflegestufen. Zehntausende Fachkräfte in der Pflege fehlen. Die Entwicklung in Deutschland könnte so verlaufen, dass ein kleiner Teil der Alten sich im Luxussegment der Betreuung findet, für eine große Zahl könnte es in die „satt und sauber Richtung“ gehen. Um dies möglichst zu verhindern, geht es um eine Optimierung der Zielkonflikte in der Altenbetreuung und um die Umsetzung neuer Gestaltungsmöglichkeiten. Es kommt der Dienstleistungsbranche in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft wachsende Bedeutung zu, darin liegt auch die Chance, dass auch in Zukunft Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann.
Altenbetreuung als Dienstleistungsbranche und Wachstumsmarkt
Nicht nur die zunehmende Kostenexpansion, sondern verstärkt auch die Unzufriedenheit der beteiligten Akteure mit den erzielten objektiven und subjektiven Ergebnissen führt zu einer intensiveren gesellschaftlichen und individuellen Betrachtung des Systems der Altenbetreuung in Deutschland. Zu diesem Zweck finden seit 2009 Qualitätsprüfungen durch die Medizinischen Dienste der Kranken- bzw. Pflegekassen (MDK) in Heimen und Sozialstationen statt.
Nach der Auswertung der Prüfung entstehen die sogenannten Pflegenoten für die jeweiligen Einrichtungen. Diese werden im Internet veröffentlicht und dienen als erste Informationsquelle und Orientierung für betroffene Patienten und Angehörige (www.pflegelotse.de; www.qualitätskliniken.de).
Vortrag Dr. Kriegel (PDF) »
PhDr. Eva Prochazka - Perspektiven Tschechien
Es gibt aufgrund der politischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte noch teilweise eine schwierige Situation der Altenpflege in Tschechien, besonders im Hinblick auf Qualitätssicherung bei der Pflege, die Rückstände werden aber auch mit österreichischer Hilfe aufgeholt. Es gibt drei große Träger im Alten- und Pflegeheim-Bereich, den Staat als weitaus größten, die Caritas und die Diakonie. Es gibt in Tschechien 650 Heime mit 40.000 Betten. 180 dieser Heime sind speziell für die Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen. 2010 betrugen die Kosten in einem Alten- und Pflegeheim pro Bett und Monat 875 €, es gibt vier Pflegestufen. Eine große Zukunftsaufgabe ist die Errichtung von Einrichtungen für Palliativpflege.
Die demographischen Angaben zeigen, dass im Jahre 1990 in der tschechischen Republik 17,7% der Menschen im Alter über 60 waren, im Jahre 2000 waren das schon 18,2 % und in Folge soll diese Rate im Jahre 2020 27,7 % erreichen.
Am 1. 1. 2007 trat ein ganz neues Gesetz über soziale Dienste in Kraft. Dieses Gesetz (Nr. 108/2006) beruht auf ganz anderen Grundlagen als das bisherige System nach den Vorschriften über die Sozialfürsorge. Qualität der sozialen Dienste wird in einen direkten Zusammenhang mit der Einhaltung der Menschenrechte und Menschenwürde gebracht. Das Gesetz führt ein so genanntes Pflegegeld ein. Mit dessen Hilfe soll der Empfänger soziale Dienste auswählen und bezahlen können.
Im Rahmen der Qualitätsentwicklung in den Pflegeheimen in der Tschechei, wurde mit dem tschechischen Dachverband für Sozialdienste „Asociace poskytovatel sociálních služeb ČR“ (APSS ČR) die Einführung von E-Qalin in den Alten- und Pflegeheimen im Jahr 2010 bereits angefangen.
Im bis Herbst 2011 laufenden EU-Projekt werden durch die E-Qalin GmbH tschechische E-Qalin TrainerInnen ausgebildet, die Handbücher, Trainingsdesigns und Lernunterlagen angepasst und getestet bevor im Frühjahr 2011 ca. 15 Alten- und Pflegeheime aus ganz Tschechien die erste Weiterbildung zur E-Qalin ProzessmanagerIn absolvieren werden, um sich anschließend auf den Weg der E-Qalin Selbstbewertung zu machen.
Vortrag Dr. Prochazka (PDF) »
Mag. Michael Hammer - Perspektiven Österreich
Grundsätzlich ist die Qualität in den Alten- und Pflegeheimen sehr hoch, für die Zukunft muss diese Qualität auf dem hohen Niveau abgesichert werden, das ist auch die Herausforderung. Die Organisation und die Finanzierung sind in Österreich sehr föderalistisch und sollten auch so bleiben. Der Grundsatz gilt im APH-Bereich „mobil statt stationär“.
Laut der jüngsten Pflegestatistik geben die österreichischen Bundesländer durchschnittlich 167,1 Euro je Einwohner für Alten- und Pflegeheime aus. Oberösterreich liegt hier mit Ausgaben von 196,9 Euro je Einwohner an zweiter Stelle im Bundesländerranking. Für die sozialen Dienste gaben die Länder 2008 durchschnittlich 33,2 Euro je Einwohner aus. Oberösterreich ist hier mit 58,6 Euro je Einwohner führend und sehr gut aufgestellt.
Im Jahr 2010 gaben die Gebietskörperschaften in Österreich für Pflegegeld und für
Sachleistungen insgesamt rund 4 Milliarden Euro aus (WIFO-Studie). Dieser Betrag wird bis 2015 bereits auf 4,8 Milliarden Euro ansteigen und ist für 2020 mit 5,6 Milliarden Euro prognostiziert.
Organisation, Aufgaben, Kostentragung der Pflege in Oberösterreich
In Oberösterreich sind für die Pflegeangelegenheiten das Land Oberösterreich und die Sozialhilfeverbände und die Städte mit eigenem Statut (regionale Träger sozialer Hilfe) zuständig. Diese Regionalstruktur in Österreich und Oberösterreich hat sich gut bewährt.
Kernpunkt im APH-Bereich sind für die regionalen Träger die Vorsorge für soziale Hilfe und die Leistung sozialer Hilfe, soweit sie nicht das Land zu leisten hat. Der große Bereich für pflegebedürftige Menschen, die aufgrund des Alters Pflege- und Betreuungsbedarf haben, liegt bei den regionalen Trägern sozialer Hilfe. Daher haben die sozialen Träger zur Besorgung dieser Aufgaben die Einrichtungen (insbesondere Alten- und Pflegeheime) und Dienste (wie mobile Betreuung und Hilfe und Hauskrankenpflege) entweder selbst zu schaffen und zu betreiben oder gemeinsam mit anderen regionalen Trägern oder durch andere Träger sicher zu stellen.
Pflegefonds
Da in den letzten Jahren und Jahrzehnten das Pflegegeld der BewohnerInnen im APH nur selten valorisiert wurde und in keinster Weise mit den deutlichen Kostensteigerungen in den Alten- und Pflegeheimen mithalten konnte, wurde der Finanzierungsbedarf für Länder und vor allem für die Gemeinden deutlich höher. Der überwiegende Teil der Pflegefinanzierung liegt daher auf den Schultern der Gemeinden. Mit dem nun zu schaffenden Pflegefonds soll dieses Ungleichgewicht wieder etwas ausgeglichen werden. Bund und Länder haben sich daher auf einen Pflegefonds geeinigt, der zur Bewältigung der zu erwartenden Pflegedienstleistungen eine zusätzliche Unterstützung bringen soll. Die Finanzierung des Pflegefonds erfolgt nach dem Finanzausgleichsschlüssel und zwar mit zwei Drittel der Bund und ein Drittel Länder und Gemeinden. Die Gesamthöhe beträgt für die Jahre 2011 bis 2014 685 Millionen Euro. Bis zum nächsten Finanzausgleich im Jahr 2014 soll eine Arbeitsgruppe eine Überführung dieser Lösung in eine Regelfinanzierung erarbeiten. In Oberösterreich sollen die zusätzlichen Mittel aus dem Pflegefonds gemäß dem bisherigen Schlüssel der Beteiligung an der Finanzierung für die Pflegeleistungen zwischen Land und Gemeinden bzw. Städte aufgeteilt werden.
Vortrag Mag. Hammer (PDF) »
Dr. Kai Leichsenring – Zusammenschau der Langzeitpflege in Europa
Langzeitpflege („Long term care“) ist ein zunehmend blühender Wirtschaftssektor von verschiedenen Anbietern mit hohen Renditen geworden. In Österreich werden in diesem Bereich schon zwischen 3 und 5 Milliarden Euro ausgegeben. Die Prognosen für steigende Ausgaben für Altenpflege zwischen 2007 und 2060 liegen zwischen 60 und 200 % in den meisten europäischen Ländern. Es gibt dabei massive quantitative und qualitative Unterschiede in der Organisation, Finanzierung und Qualität. Der Anteil von Menschen über 65 mit festgestelltem Pflegebedarf liegt in Europa durchschnittlich bei ca. 4,5 % der Gesamtbevölkerung. Wichtig wäre hier in Zukunft an den Bedürfnissen des Einzelnen anzuknüpfen. Eine wichtige Rolle kommt und kommt zunehmend mehr den informell Pflegenden zu (Familie, Freunde, 24-Stunden-Pflege) und einer besseren Koordination und Integration zwischen den Systemen. Finanzielle Anreizsysteme müssen hier geschaffen werden, das Profil der Langzeitpflege herausgearbeitet und das Image der Pflege verbessert werden. Österreich liegt bei der Beschäftigung in Sozial- und Gesundheitsberufen im unteren Drittel der europäischen Länder. Hier ist noch ein großer Anteil von Professionalisierung und Schaffung neuer Beschäftigung möglich. Umgekehrt liegt Österreich relativ sehr hoch in der Pflegegeldzahlung am durchschnittlichen Nettoeinkommen. In der Verbesserung des Qualitätsmanagements sind ständige Weiterentwicklungen die Chance. NutzerInnen und Vertreter der NutzerInnen sind in Zukunft mehr mit hereinzunehmen in Entscheidungsprozesse. Die Qualitätssicherung selbst ist in den einzelnen europäischen Ländern sehr verschieden, in Österreich ist die Situation eine sehr gute. Von der (Heim)Aufsicht geht der Trend immer mehr zur Selbstbewertung und Zertifizierung durch Dritte, Transparenz und Veröffentlichung von Leistungsdaten werden immer wichtiger. Langfristig wird es eventuell zu Benchmarking kommen. Ein Problem ist, dass die Qualitätskriterien in der Langzeitpflege noch sehr unterschiedlich sind. Qualität ist daher zu definieren und zu verbessern. Qualitätsindikatoren könnten dabei sein die Qualität der Pflege, die Lebensqualität der NutzerInnen, die Führung eines Heims, die Wirtschaftlichkeit und die Kontakte (Öffnung zum Gemeinwesen, Image, Freizeit). Wichtig für die Zukunft der Altenpflege: Die Pflegebedürftigkeit wird Teil unseres Lebens werden, neue Berufsbilder werden gebraucht, Professionierung heißt nicht „Medikalisierung“ und Long term care muss als System gesehen werden. Ausgabensteigerungen sind abhängig von politischen und fachlichen Entscheidungen. Geschehen müssten soziale Investitionen statt „Budgetverschiebungen“. Und der globale Wettbewerb um Arbeitkräfte im Sozial- und Gesundheitsbereich hat jedenfalls schon begonnen, weltweit und innerhalb von Europa.
Vortrag Dr. Leichsenring (PDF) »

V.l.: Dr. Günter Jakobi, Dr. Kai Leichsenring, Sr. Elsbeth Berghammer, PhDr. Eva Prochazka,
Dr. Lutz Johannes Kriegel, Mag. Michael Hammer
Dr. Johannes Jetschgo
moderiert die Podiumsdiskussion
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